El Codo del Diablo - ein politisches Verbrechen wird (filmisch) aufgearbeitet

by 13 dominica  


Das politisch stabile, grüne Land Costa Rica räumt Jahr für Jahr in einer einschlägigen Studie die Spitzenposition für die glücklichsten Landsleute der Welt ab. Nach dem aktuellen Freispruch aufgrund mangelhafter Beweisführung der mutmaßlichen Mörder im Fall Jairo Mora wird aber auch eine andere Seite Costa Ricas im politischen Gedächtnis diskutiert: Der Einfluss wirtschaftlicher und politischer Interessen auf die Rechtsprechung des Landes.

Ein historischer Fall dessen beschreibt die politischen Morde am Codo del Diablo in den Nachwehen des offiziell nur 44 Tage dauernden Bürgerkriegs im Jahre 1948. Wie die Kulturanthropologin Aleida Assmann in ihrem herausragenden Werk "Der lange Schatten der Vergangenheit" herausarbeitet, braucht es die dritte Generation und ungefähr 80 Jahre im kollektiven Gedächtnis einer Nation bzw. eines sozialen Systems, um die eigene Vergangenheit aufarbeiten zu können. Direkt nach einem tief schneidenden Erlebnis einer Kultur oder einer Gemeinschaft wird ein Ereignis zunächst einmal aktiv vergessen und nicht erinnert. Ein interessantes empirisches Beispiel dafür ist beispielweise das Unvermögen der Kriegsgeneration des Zweiten Weltkrieges direkt nach Kriegsende über die Geschehnisse und die eigene Rolle darin zu reflektieren. Während die Nachfolgegeneration durch Abgrenzung und Forderungen gekennzeichnet war, kann erst die dritte Generation mit einem gewissen zeitlichen Abstand das Schweigen und die Abgrenzung überkommen und über die eigene kollektive Vergangenheit sprechen. Dies scheint nun auch für die Zeit des Guerra Civil in Costa Rica anzustehen.

1944 war eine eher linksgerichtete Regierung unter Colderón Guardia an der Macht, die einige sozialpolitisch entgegenkommende Entscheidungen getroffen hatten, wie die Einführung eines Arbeitsrechtes und eine Sozialversicherung. Darauf folgte eine eher republikanische Amtsperiode bis Anfang des Jahres 1948 wieder Neuwahlen anstanden. Schon im Vorfeld stritten einige politische Lager um die Macht und auch die Wahl, die einen konservativen Wahlsieger (Ulate Blanco) proklamiert hätten, wird von Calderón Guardia als ungültig erklärt, nachdem ein Großteil der Wahlzettel aus noch immer ungeklärten Umständen einem Feuer zum Opfer fiel.

Besonderes revolutionäres Potential wurde damals unter anderem in Limón gesehen, wo viele Arbeiter in den Bananenplantagen unter schwersten Bedingungen arbeiten mussten. Als dann auf internationalem Preisdruck keine Gehälter von der United Fruit Company ausgezahlt wurden, begannen erste Streiks. Anhänger der kommunistischen Partei Vanguardia Popular begannen aktiv gegen die Regierungspolitik vorzugehen. Ein unbequemer Zeitpunkt, in dem die Stimmung zu kippen drohte. So wurden von verschiedenen politischen Führungspersonen jeweils eine Militia eingesetzt, die nach und nach verschiedene Anhängerschaften in ihren Hochburgen niederschlugen. Im Norden des Landes waren Gruppen aus Nicaragua, welche den selbsternannten Präsidenten Calderón Guardia unterstützten, im Zentrum werden Anhänger von José Figueres (einem Industriellen, der später selbst Präsident wird) getötet, worauf die Legión del Caribe für Figueres Limón bombardierte und einnahm und diesem zum letztlichen Sieg verhalfen.

Im Figueres-Ulate Pakt wird eine verfassungsgebende Übergangsregierung, die Junta Fundadora de la Segunda Republica, eingesetzt, welche den Staat und die Gesellschaft neu formieren soll. Das Militär, welches sich im Bürgerkrieg neutral verhalten hatte, wird abgeschafft - ein Alleinstellungsmerkmal in Zentralamerika auf welches viele Costa Ricaner stolz sind. Eine Amnestie für alle Taten während des Bürgerkrieges wird ausgesprochen, de facto regiert jedoch Figueres antikommunistisch und im Zuge des Kalten Krieges auch klar auf der Seite der USA. So werden aktive Anhänger "militante Caldero-Kommunisten" verfolgt, verhaftet und auch ermordet.

Auch während der Übergangsregierung flammen immer wieder Konflikte auf, kommunistische Gruppierungen mit der Unterstützung einiger Angehöriger des nicaraguanischen Militärs versuchen weiterhin mit militärischen Mitteln die Politik zu beeinflussen. Als wiederum nach einem Streik der Bananeros in Limón einige Anhänger der kommunistischen Partei und der gewählte Abgeordneten vom Kanton Limón (zu diesem Zeitpunkt hatte Limón nur das Recht auf einen einzigen Parlamentssitz) Federico Picado verhaftet und in das überfüllte Gefängnis von Limón gebracht werden, beginnt die Verfilmung und Aufarbeitung dieses historischen Kapitels der politisch motivierten Morde im Bürgerkrieg.


Die sechs Männer werden am 19. Dezember 1948 aus ihren Häusern geholt, kurz im Gefängnis von Limón untergebracht bis noch in der Nacht aufgrund der Überfüllung des Gefängnisses die scheinbare Verlegung in der Hauptstadt San José ansteht. Also werden sie in ein Schienenfahrzeug gebracht und aneinander gefesselt. In einer steilen Biegung der Schienenstrecke Limón - San José, der berühmte Codo del Diablo hält das Fahrzeug an. Die Männer werden aus dem Wagen geholt und vor der Schlucht, wo es direkt in den Fluss Río Reventazón geht, erschossen. Die Leichen fallen in die Böschung, nur ein Körper reißt sich los, die Handschelle noch am Armgelenk. Die regierungsnahen Schützen melden noch in derselben Nacht einen Hinterhalt von militanten Kommunisten, sie mussten aus Notwehr das Feuer erwidern. Doch bei der Obduktion - von der nur noch ein einziger Bericht vorhanden ist - wird klar, dass die Toten gefesselt und unbewaffnet waren und somit gezielt ermordet wurden.

So wird gegen die drei Täter, einer davon Kubaner, ein Haftbefehl ausgestellt, doch durch die Hilfe von Repräsentant_innen der politischen Führung Costa Ricas können sie ins Ausland fliehen. Keiner von ihnen wird jemals für diese Tat zur Rechenschaft gezogen und aufgrund mangelnder Beweise wird das Attentat als einfacher Mord verbucht, der politische Hintergrund wird vertuscht. Auch hier kommen - so ziehen dieser Zeit viele Menschen die Parallele - Beschuldigte ohne Strafe davon, wie im Falle Jairo Mora. Während damals wirtschaftliche Interessen der mächtigen United Fruit Company und politische Interessen der Regierung als Ursache der Verschleierung gesehen werden, sind heute die Drogenmafia und der Unwillen der (Lokal-)Regierung, das Geschäft um Schildkröteneier und die Drogen einzudämmen Begründungsversuche für die Nichtverurteilung.

Und erst heute, Generationen später, sprechen Vertreter_innen der Linkspartei, Angehörige der Verstorbenen und Historiker_innen von der Wichtigkeit, dass dies als politisch motiviertes Attentat am Codo del Diablo in das kollektive Gedächtnis Costa Ricas aufgenommen wird. Auch der Präsidentschaftskandidat von Frente Amplio, der erklärten Nachfolgerin von der Partido Vanguardia Popular, José Maria Villalta, sieht es - ebenso wie die Historiker und Regisseure des Filmes Codo del Diablo Ernesto und Antoni Jara - als fundierte Aussage, dass der Todesbefehl aus der Regierung um José Figueres gekommen sein muss. Figueres war noch in zwei Wahlperioden (1953 - 1958; und 1970 - 74) Präsident von Costa Rica und (Mit-)Begründer der Partei Liberación Nacional - dessen letzte Legislaturperiode von Laura Chinchilla bis 2014 ausgeführt wurde. Gerade wird es auch um den Sohn von Figueres, José Maria Figueres Olsen, interessant. Er selbst war von 1994 - 1998 Präsident und möchte sich in der nächsten Wahl 2018 wieder als Präsidentschaftskandidat für die PLN aufstellen lassen.

Der Film "Codo del Diablo", der nur in unterstützenden Kinos lief, brachte volle Kinosäle und hatte sehr gute Kritiken auf Filmfestivals in Costa Rica und Guatemala bekommen. Er erzählt auf eine sehr persönliche Weise aus der Sicht der Kinder, Enkel und Ehefrauen der Ermordeten, was sie zu dieser Zeit erlebt und wie sie diese Tat werten. Mit politischen Rückblicken und einigen historischen Schauplätzen wurde er sehr einfühlsam gedreht. Er sucht nach Unterstützung, um weitere Kinos zur Übertragung des Filmes zu motivieren und die politische Diskussion in der Bevölkerung anzuregen.

Quellen und weiterführende Literatur:
Assmann, Aleida (2006): "Der lange Schatten der Gewalt. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik", Hamburg: C.H. Beck
Filmhomepage: El Codo del Diablo, aufrufbar unter: http://www.elcododeldiablo.com/
Artikel in der Prensa Libre vom 8. Dezember 2008: http://www.anep.or.cr/article/memoria-historica-el-codo-del-diablo-1948/
Kommentar von José Maria Villalta: http://www.ticovision.com/cgi-bin/index.cgi?action=printtopic&id=11747

Bildquellen
(1): http://i637.photobucket.com/albums/uu98/josepablocruz23/410.jpg
(2) http://www.elcododeldiablo.com/wp-content/uploads/2012/11/AFICHE-CODO_Final-web-299x427.jpg

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