Einblick ins wahre Leben ? oder: mühsam ernährt sich das Volontärs-Eichhörnchen

by chris_10  

Wie weit muss man zurückgehen, um eine Geschichte ganz zu erzählen? Ende März hat es angefangen: als Eva und ich nach dem Zwischenseminar aus San José an unsere Einsatzstelle zurückkehrten, hatten wir einige Ideen für die weitere Arbeit mitgebracht. Eine davon war, das Büro, in dem wir uns regelmäßig versammeln, auf Vordermann zu bringen, um eine schönere Atmosphäre zu schaffen und das Arbeiten leichter zu machen. Denn der Raum war einfach nur heruntergekommen, hässlich und voll von Gegenständen, die keiner so wirklich benutzte.

Insgesamt vier Gruppen nutzen diesen Raum: das Ärztezentrum genannt EBAIS, die Asociación de Desarrollo, die sich um die kulturelle Entwicklung des Ortes bemüht, eine Seniorengruppe und Danto Amarillo, die Waldgruppe, mit der wir arbeiten.

Anfang Mai ging es dann los mit der Bürorenovierung in Chachagua. Beim gemeinsamen Treffen zu Beginn des Projektes wurde kurz gesammelt, welche Veränderungen vorgenommen werden sollten und welche Reihenfolge und Priorität für die verschiedenen Bereiche gilt. Der erste Arbeitsschritt war schnell getan: Die Entrümpelung. Zusammen mit Julio von der Asociación de Desarrollo habe ich mich einen Morgen getroffen, um sämtliche überflüssigen Sachen rauszuschaffen.

Dann ging es an die Renovierung. Mit dem Fußboden wollten wir anfangen. Er ist aus Ocker und hat lauter Löcher - ziemlich unansehlich jedenfalls. Der Plan war, ihn zu befliesen. Doch das sollte teuer werden, wie wir herausfanden. Also beschlossen wir, das ganze Dorf um Fliesenreste zu bitten, um im Büro einen Mix aus bunten Scherben entsehen zu lassen. Und ins Zentrum des Ganzen, könnte man ja ein großes Bild wie z.B. eine Weltkugel setzen, das sich vom Rest abhebt. Gesagt getan, also ran an die Arbeit!

Moment zurückspulen. So schnell geht das nun leider doch nicht.

Denn um Fliesen zu legen, benötigt man etwas, um diese anzukleben. Und das kostet Geld. Also bin ich fix zum Schatzmeister vom Danto Amarillo gegangen und hab ihn gefragt, ob er Fliesenkleber kaufen könnte....Mach ich gleich morgen, sagte er und verschwand für 4 Tage in die Unerreichbarkeit. Als ich ihn dann schließlich persönlich auf der Straße getroffen habe, sagte er mir, dass er den Kleber noch nicht gekauft hätte ... arggggh!! Um keine weitere Verzögerung zuzulassen, konnte ich ihn überreden von dort aus direkt gemeinsam in den Baumarkt gefahren, um alles Notwendige zu besorgen. Sprich den Kleber, eine Kelle und zwei weitere Substanzen, von denen man uns im Baumarkt erzählte, wir müssten sie unbedingt vorher auftragen, damit die Fliesen auch wirklich kleben. Die eine Flüssigkeit namens ácido muriático (Hauptbestandteil: Salzsäure) sollten wir zuerst auftragen, damit der relativ glatte Boden aufgeraut wird.

Vorsicht, nicht einatmen! Wie schnell es geht, hat mein Kollege Buaner dabei gelernt. Weil der die Maske erst nach 2-minütigem dramatischen Zurufen aufgesetzt hat, hatte er am nächsten Tag keine Stimme mehr und litt unter leichten Atembeschwerden. Er hat Glück gehabt dabei, mittlerweile ist alles wieder okay.

Nach dem Salzsäurebad musste der Raum erst mal gut gelüftet und mit Wasser gereinigt werden. Im nächsten Schritt musst nun die andere Flüssigkeit aufgetragen werden. Damit soll sich der Fliesenkleber besser mit dem Untergrund verbinden. Dies geht jedoch schnell und nach kurzer Wartezeit kann nun endlich die Kelle eingeweiht werden. Hmmm, wären doch nur nicht die Fliesen so dreckig, die uns gespendet wurden. Die muss ich wohl auch noch vorher waschen.

Zu Evas Rettung muss ich übrigens sagen, dass sie sich im Großteil dieser Zeit im Urlaub mit ihrer Familie befand und ich ihre Rückkehr sehr herbeigesehnt habe. Doch dann kam nicht nur Eva, sondern auch meine Schwester. Und nachdem wir dann endlich im Büro die ersten Fliesen gelegt haben, habe ich mich mit meiner Schwester für ein paar Tage in die Karibik verabschiedet und die arme Eva in dem Scherbenhaufen zurückgelassen. Nach ein paar schönen Urlaubstagen, legten wir dann endlich richtig los. Jeden Tag sind wir für ein paar Stunden ins Büro Fließen kleben gegangen und so langsam sieht man wirklich etwas.

Mittlerweile sind knapp 2/3 des Bodens bedeckt und die Leute, die vorbeikommen und uns zuschauen, finden Gefallen, an dem, was dort entsteht. Doch Unterstützung gibt es kaum. Wir sind umso glücklicher, als einen Tag plötzlich zwei Mitglieder aus der Seniorengruppe vor uns stehen und uns unter die Arme greifen wollen. Sie waschen viele Fliesen für uns, was wirklich eine große Hilfe war, denn das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch.

Wie es das Schicksal will, wird unsere Arbeit vor Beendigung noch mal unterbrochen. Die Pflanzsaison im Korridor beginnt und unsere Freunde dort können vier weitere Hände gut gebrauchen - wer würde da nein sagen, wenn man Bäume pflanzen darf?!

Wir wissen nicht genau, wann wir wieder nach Chachagua zurück kommen werden, vielleicht in drei oder vier Wochen. Einen Tag vor unserer Abreise erklärt uns Buaner, dass er sich um den Rest des Fußbodens kümmern will und alles bis zu unserer Wiederkehr fertig sein werde Lassen wir uns überraschen und trösten wir uns mit dem Spruch: Mühsam ernährt sich das Voluntärs-Eichhörnchen.

Euer Renovator, Christian

P.S.: Ich sollte noch die unzähligen Schnittwunden erwähnen, die uns unerfahrenen Fliesenlegern von den Scherben zugefügt wurden...

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