Kleine Monster in der Nacht

by 14 lennart
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Mit ausgebreiteten Extremitäten wird locker die Länge eines menschlichen Unterarmes erreicht.

Jeden Abend wenn es dunkel wird, übernehmen sie heimlich das Kommando bei uns in der Station. Sie kommen aus dunklen Ecken und Spalten, hinter Schränken hervor und aus Abflussrohren. Zunächst sieht man nur die extrem dünnen Tastbeine sensibel voranfühlern, dann vorsichtig und bedächtig schiebt sich in einem seitlichen Gang der Rest des Körpers hervor. Man muss geduldig sein mit den scheuen Wesen: Eine schnelle Bewegung und das Tier ist schneller wieder verschwunden als man Blinzeln kann.

Ist man vorsichtig genug, kommt nach und nach das ganze Tier zum Vorschein: ein hartes Exoskelett, riesige Fangklauen und zwei zentral dicht beieinander stehende Augen, die dem ganzen ein bisschen etwas von einem Zyklopen geben. Die Rede ist von den Geißelspinnen (Amblypygi), die unsere Station bewohnen.

Es ist schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig beim nächtlichen Toilettenbesuch von diesen Gesellen angestarrt zu werden. Der Körper misst etwa 3 cm, das erste Beinpaar, das zu langen Tastfühlern umgewandelt ist, kann bis zu 30 cm lang werden: nichts für Arachnophobiker. Die Tastbeine sind die eigentlichen Augen der nachtaktiven Geißelspinnen. Mit ihnen können sie kleinste Verwirbelungen der Luft wahrnehmen und ihre Beute lokalisieren. Das sind bei uns in der Regel die allgegenwärtigen Schaben, doch sie sollen sogar in der Lage sein Nachtfalter aus der Luft zu greifen. Dazu werden die großen Fangzangen genutzt (die eigentlichen Pedipalpen), mit denen die Beute problemlos festgehalten und gequetscht wird, sodass sie, wie bei allen Spinnen, extraintestinal verdaut werden kann.


Paraphrynus laevigatus – Begegnung mit einem kleinen Monster

Von den eigentlichen Spinnen sind Geißelspinnen verwandtschaftlich allerdings recht weit entfernt. Sie besitzen weder die Fähigkeit Spinnseide zu erzeugen, noch haben sie Giftdrüsen. Wegen des umgewandelten ersten Beinpaares, laufen sie nur auf 6 statt auf 8 Beinen und zwar in seitlicher Richtung (obwohl ich auch schon nach vorn gerichtete Fortbewegung beobachten konnte). Durch ihren flachen Körperbau können sie sich ideal in schmalen Spalten verstecken und leben in freier Natur gerne in und unter Felsen oder hohlen Baumstämmen. Eine alte Tropenstation mit jeder Menge Versteckmöglichkeiten kommt ihnen natürlich mindestens genau so gelegen. Evolutionär gesehen sind Geißelspinnen eine sehr alte Tiergruppe, die rezent nur noch wenige Arten besitzt. Ihre Verbreitung hat den Schwerpunkt in den Tropen und Subtropen, es kommen aber auch 2 Arten im Mittelmeerraum vor.


Jungtiere sind noch winzig und weniger stark sklerotisiert als ihre Eltern.

Obwohl unsere heimlichen Mitbewohner bei näherer Betrachtung einem Horrorfilm entsprungen sein könnten, sollen sie völlig harmlos sein. Der 9-jährige Sohn meiner Gastfamilie erzählte mir zwar, eine Geißelspinne habe ihn mal in den Fuß gehackt. Ob das allerdings stimmt, weiss ich nicht und dieses Verhalten ist selbst dann nicht besonders gefährlich und wird wohl nur von in die Enge getriebenen Tieren angewendet. Im Normalfall verharren die Spinnen regungslos und hoffen, dass sie nicht gesehen werden und wenn man doch zu nahe kommt, verschwinden sie blitzschnell in der nächsten dunklen Ecke.


Vorsichtig werden die hauchdünnen Gliedmaßen aus der alten Haut gezogen.

Einmal hatte ich das Glück und konnte die Häutung einer Spinne beobachten. In der alten Haut heftet sich das Tier an eine Wand und schiebt dann extrem langsam den Körper aus dem harten Panzer. Es wird alles gehäutet, sogar die ultrafeinen und langen Tastbeine bis in die Spitzen. Entsprechend vorsichtig muss die Geißelspinne vorgehen, damit kein Körperteil stecken bleibt oder abreißt. In diesem Fall war der Körper schon vollständig gehäutet und das Tier benutzte die noch weichen Fangzangen um vorsichtig die Taster Millimeter für Millimeter aus der alten Haut herauszuziehen. Der ganze Vorgang dürfte in dem Tempo Stunden gedauert haben und am nächsten Morgen fand ich die Spinne mit schon halb ausgehärtetem Exoskelett immer noch an der selben Stelle sitzen.

Meinem Bestimmungsversuch nach, müsste es sich bei unseren Mitbewohnern um eine Geißelspinne der Gattung Paraphrynus handeln, die in Costa Rica nur mit der Art Paraphrynus laevifrons (Pocock, 1894) vertreten ist. Die Gattung zeichnet sich durch einen annähernd glatten Vorderrand des Prosomas ohne ausgeprägte Dornen aus und zwischen den beiden längsten Zähnen der Pedipalpen stehen zwei kleinere Zähne (im Gegensatz zur artenreichen Gattung Phrynus, die dort nur einen Zahn besitzt). Während andere Gattungen häufig oberirdisch vorkommen, sollen Paraphrynus -Geißelspinnen vor allem in Höhlen leben – Betonwände scheinen ihnen aber auch zu reichen.

Literatur: Quintero, D. 1981. The amblypygid genus Phrynus in the Americas (Amblypygi, Phrynidae). J. Arachnol., 9: 117-166.

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