Der Heimtrainer für Christen

by gustav_11  

Die Religion spielt im Alltag der Costa-Ricaner eine deutlich größere Rolle als beim Durchschnittsdeutschen. Fast in jedem Heim findet man an den Wänden kitschige Bilder von Jesus, Maria und allerlei Schutzheiligen, gepaart mit Bibelstellen oder Segenssprüchen. Manch einer hat sogar seinen eigenen kleinen Altar, mit Kerzen, Lichterketten und kleinen Figürchen, die mich an unsere Weihnachtskrippe erinnern.

Mein Gastvater erklärt mir, dass man mindestens einmal die Woche zur Kirche muss, um sein Seelenheil nicht zu gefährden (dass ich selber in Deutschland nur ein bis zweimal im Jahr zur Kirche gehe, verschweige ich lieber).

Doch leider hat nicht jeder die Gelegenheit dazu, wöchentlich ein Gotteshaus aufzusuchen, weshalb einige Kirchengemeinden auf dem Land auch den Gottesdienst für Zuhause anbieten. Dieser Gottesdienst besteht aus einem kleinen Heftchen, in dem für jeden Wochentag die notwendigen Anweisungen und Bibelstellen aufgeführt sind. Das Programm folgt dabei, wie ein Gottesdienst auch, immer dem gleichen Muster:
Die gesamte Familie versammelt sich pünktlich nach dem Abendessen um den Hausaltar, die Lichter werden soweit möglich abgeschaltet und sogar der Fernseher wird, wenn auch nicht ganz aus, so doch zumindest Stumm geschaltet.

Der Vorbeter (in meiner Gastfamilie die Mutter, in einer anderen der Vater oder auch der Erstgeborene) liest die tägliche Bibelstelle vor, wobei nach jeder Spalte ein Vaterunser, ein Ave Maria, das Glaubensbekenntnis und noch eine vierte Litanei, für die ich bisher noch kein deutsches Pendant finden konnte, eingefügt werden.

Diese ständigen Unterbrechungen führen dazu, dass sich das Ganze in unvorstellbare Längen zieht, bei denen auch der größte Fanatiker zuweilen seinen Enthusiasmus verlieren kann. Möglichst schnell und für mich fast unverständlich werden die obligatorischen Gebete runter genuschelt, um die Veranstaltung so kurz und schmerzlos wie möglich zu halten. Von echter Spiritualität verspüre ich hierbei nichts und ich erwische sogar den Sohn dabei, wie er nebenher auf seinem Handy spielt.

Nach einer halben Stunde ist endlich der letzte Bibelvers vorgetragen und das letzte Ave Maria gebetet, darauf folgt die persönliche Fürbitte und hier kann ich zum ersten Mal etwas Spannung wahrnehmen.

Meine Gastmutter bittet um Schutz und Leitung für ihre Familie und auch mich, für nahe Freunde und Verwandte. Über diese kurze persönliche Fürbitte erfahre ich ein paar neue Details über meine Gastfamilie, so ist zum Beispiel die Mutter meines Gastvaters in seinen frühen Kindesjahren verstorben, meine Gastmutter hat eine jüngere krebskranke Schwester und die Tochter hatte vor zwei Jahren eine Fehlgeburt. Für sie alle wird um Schutz gebeten, danach folgt ein allerletztes Mal das Glaubensbekenntnis und dann schließlich das abschließende Amen.

Mein Gastvater entschuldigt sich bei mir für die allabendliche Litanei, sie wäre, so sagt er, eine lästige aber notwendige Maßnahme, um sich vor der Hölle zu bewahren. Ich frage ihn, wieso ein gütiger Gott denn auf solche starren Muster beharren sollte, wenn man sowieso nicht mit dem Herzen dabei ist, aber darauf erhalte ich nur die unbefriedigende Antwort, dass der Pfarrer das so gefordert hat. Dieser ominöse Pfarrer, den ich bisher nur vom Hörensagen zu kennen und zu verabscheuen gelernt habe, scheint so einiges zu fordern.

Zum Beispiel erinnere ich mich daran, wie meine Gastfamilie ein Wochenende lang die Kirche renoviert hat, zur Vergebung einer nicht näher genannten Sünde, oder ein anderes Mal die Hälfte der eigenen Hühner schlachtete und dem Pfarrer spendete, um im Falle eines plötzlichen Todes vor dem Fegefeuer gewappnet zu sein.

Es macht mich unfassbar wütend zu sehen, wie diese herzensgute, aber eben auch etwas naive Familie mit Versprechungen, wie dem ewigen Leben oder dem Seelenheil gefügig gemacht wird, zum Wohle eines Priesters, der sich anmaßt, die spirituelle Wahrheit für sich alleine gepachtet zu haben.

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